← Gedankenfutter
Thomas Hummer#ki#zukunftsforschung#strategie

2030 im Realitätscheck: was Jánszkys Zukunftsprognosen von 2018 heute wert sind

Ein Zukunftsbuch von 2018 sagt voraus, wie wir 2030 leben und arbeiten. Acht Jahre später lässt sich nachrechnen: Was ist eingetroffen, was nicht, und welches Muster steckt dahinter? Eine Zwischenbilanz kurz vor dem Erscheinen des Nachfolgers.

Aufgeschlagenes Buch neben einem Laptop mit ansteigender Kurve auf einem dunklen Schreibtisch, warmes rotes Licht

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Zukunftsbuch von 2018: "2030" von Sven Gábor Jánszky, Zukunftsforscher aus Leipzig. Am 15. August 2026 erscheint der Nachfolger "2035" und verlängert den Blick wieder um fünf Jahre.

Bevor ich das neue lese, wollte ich wissen, was das alte wert war. Acht Jahre reichen für eine Zwischenbilanz.

Was 2018 im Buch stand

Verkürzt, aber sinngemäß:

  • Bot-Economy. Jeder Mensch hat mehrere spezialisierte Bots. Der entscheidende Schritt ist nicht der Chat, sondern dass Bots miteinander reden: einkaufen, Termine vereinbaren, Anbieter wechseln.
  • Experten werden zu Coaches. Wer Wissen verkauft, verliert das Geschäftsmodell an die Maschine. Bleibt die menschliche Ebene: begleiten, motivieren, Verantwortung übernehmen.
  • Das Standardsegment stirbt. Übrig bleiben Economy (rational, vergleichbar, Bots entscheiden mit) und Premium (Identität). Wer in der Mitte verdient, muss sich entscheiden.
  • Vollbeschäftigung. Millionen verlassen bis 2030 den Arbeitsmarkt, die Lücke ist nicht zu schließen.
  • Die physische Welt zieht mit: selbstfahrende Autos im Alltag, kostenlose Grundleistungen wie Mobilität oder Kontoführung, Predictive Analytics steuert Handelsprozesse.

Zur Einordnung gehört zweierlei. Das Buch ist auch ein Funnel für ein Coaching-Programm des Autors. Und die Methode ist kein Survey, sondern besteht aus Tiefeninterviews mit den 20 bis 25 Personen, die eine Branche prägen. Das wird offen so benannt, hat aber einen eingebauten Effekt: Man befragt die Leute, die eine bestimmte Zukunft bauen wollen, und prognostiziert danach, dass genau diese Zukunft kommt.

Das erklärt die Trefferverteilung besser als jede Einzelkritik.

Was eingetroffen ist

Bots reden mit Bots. 2018 war das Prosa, heute hat es einen Namen: MCP, das Protokoll, über das KI-Assistenten an fremde Software andocken. Über 10.000 öffentliche MCP-Server, rund 97 Millionen SDK-Downloads pro Monat, 28 Prozent der Fortune-500-Unternehmen im produktiven Einsatz. Das ist Frühphase, keine Vollendung. Die Richtung stimmt trotzdem.

Experten werden zu Coaches. Der stärkste Beleg kommt vom Autor selbst. In einem Beitrag beim Stifterverband beschreibt er, dass klassische Trendstudien praktisch niemand mehr kauft und die Zukunftsforscher, die überlebt haben, heute als Coaches in Unternehmen arbeiten. Seine eigene These, eingetreten in seiner eigenen Branche.

Das mittlere Segment erodiert. In vielen Dienstleistungsmärkten sichtbar, in meinem eigenen auch. Dazu weiter unten mehr.

Was nicht eingetroffen ist

Selbstfahrende Autos. In Deutschland wird die erste Typgenehmigung für Level 4 zwischen Ende 2026 und Anfang 2027 erwartet, eingegangen ist bislang kein einziger Antrag. Weltweit ist kein Fahrzeug mit Level 4 käuflich. Zwischen Prognose und Realität liegen hier nicht Jahre, sondern ein nicht gestellter Antrag.

Kostenlose Commodities. Mobilität, Konto, Energie sind nicht gratis geworden. Eher das Gegenteil.

Vollbeschäftigung, und hier wird es interessant. Österreich im April 2026: rund 320.000 Arbeitslose, Quote 7,5 Prozent, Langzeitbeschäftigungslose plus 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig gilt der Fachkräftemangel als größtes Unternehmensrisiko des Landes, jeder dritte Betrieb verliert aktiv Umsatz durch unbesetzte Stellen, Stellen die länger als ein halbes Jahr offen bleiben haben um 41 Prozent zugenommen.

Beides stimmt gleichzeitig. Die Prognose war nicht falsch, sie war zu grob. Es gibt keinen einheitlichen Arbeitsmarkt mehr, sondern Mangel und Überschuss nebeneinander. Wer einen Handwerksbetrieb führt, erlebt Jánszkys Vollbeschäftigung tatsächlich, während die Gesamtstatistik das Gegenteil sagt.

Eine Nicht-Prognose lag dagegen richtig: echte Quantencomputer mit Millionen Qubits kommen nicht bis 2030. 2026 gilt als Wendepunkt für einzelne, eng definierte Probleme, aber fehlerkorrigierte Qubits gibt es weiterhin kaum.

Der interessanteste Fehler ist ein anderer. Das Buch sagt, universelle KI komme nicht vor 2030 in den Massenmarkt, spezialisierte Bots dagegen schon. Gekommen ist es genau umgekehrt: erst die Generalisten, die Spezialisierung passiert jetzt obendrauf.

Das Muster dahinter

Wo Software reicht, ging es schneller als beschrieben. Wo Hardware, Regulierung, Kapital oder Physik mitreden, deutlich langsamer. Und die Softwareseite lief in eine andere Richtung als geplant.

Für einen Betrieb übersetzt: Das Software-Layer kommt schneller als gedacht, alles Physische langsamer.

Wann so ein Buch nützt, wann nicht

Es nützt als Richtungsgeber, als Argumentationshilfe im Team, als Anlass, die eigene Position zu formulieren. Der Satz "das mittlere Segment stirbt" ist auch dann brauchbar, wenn er erst 2035 zutrifft.

Es nützt nicht als Terminplan, als Investitionsgrundlage, als Ersatz für eigenes Nachdenken. Wer 2019 auf Basis dieses Buches auf autonome Flotten gesetzt hätte, säße heute fest.

Der Fehler ist also nicht, Prognosen zu glauben oder sie abzulehnen. Der Fehler ist, keine eigene Position zu haben.

Was das für deinen Betrieb heißt

Zwei Dinge nehme ich aus dem Abgleich mit.

Erstens: Die für kleine Betriebe wichtigste Prognose ist die unspektakulärste. Nicht der Roboter, sondern das Verschwinden der Mitte. Wenn dein Angebot zwischen "billig und vergleichbar" und "teuer und unverwechselbar" liegt, wird die Luft dünner. Das gilt für Websites so wie für Beratung, und es gilt für mein eigenes Geschäft.

Zweitens: Die Bot-These ist die, die gerade real wird. Wenn dein Kunde demnächst einen KI-Assistenten fragt statt Google, entscheidet nicht mehr deine Website darüber, ob du gefunden wirst, sondern ob deine Daten maschinenlesbar sind. Für einen B2B-Händler aus Salzburg habe ich genau das gebaut: einen MCP-Server auf den bestehenden Shop, über den ein Assistent Artikel sucht, Verfügbarkeit prüft, den Warenkorb füllt und die Bestellung auslöst. Kein Zukunftsszenario, sondern seit dem Frühjahr im Betrieb.

2030 ist noch nicht vorbei

Vier Jahre bleiben. Manches kann noch kommen, anderes ist erkennbar durch. Am 15. August erscheint "2035" und schiebt den Horizont wieder nach vorn.

Ich werde es lesen. Diesmal aber mit der Frage im Hinterkopf, die dieser Abgleich aufgeworfen hat: Wo ist die Beschleunigung, und wo sitzt die Bremse?

Klingt nach deinem Thema?

30 Minuten Klartext zu KI in deinem Geschäft — kostenlos, kein Pitch.

Audit-Termin aussuchen